Wolfgang Walter wählt seit jeher als Charakteristikum seiner Kunst das Oxymoron, also den scheinbar in sich widersprüchlichen Begriff „dynamische Ruhe“. Damit verweist er uns auf die Bedeutung der Meditation für seine Arbeit. Bei der Meditation, die es in vielen Religionen und spirituellen Praktiken in sehr unterschiedlichen Formen der Ausübung gibt, handelt es sich schließlich um eine bestimmte Form der Ruhe und Besinnung, die gerade mit dem Vorgang der Sammlung und Findung, einer intensiven inneren, in manchen Fällen auch äußeren Bewegung verbunden ist. Soviel lässt sich wohl trotz der enormen Vielfalt meditativer Methoden sagen. In der christlichen Tradition ging man zeitweise dazu über, zwischen der auf ein Objekt gerichteten Meditation und der von jedem Gegenstandsbezug abgelösten Kontemplation zu differenzieren. Allerdings führte die Unmittelbarkeit des spirituellen Bezugs in der christlichen Mystik gerade zum Misstrauen, zum Häresievorwurf von Seiten der Kirche. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, ob der Vorwurf des Irrationalismus gegen die Anhänger von Meister Eckhardt und der Theresa von Avila berechtigt war oder nicht.
Nach meiner Ansicht haben diese Bilder mit Irrationalismus und Mystik allemal nichts zu tun, auch wenn wir sie als Gegenstand der Meditation, als Einladung zur Meditation, als Fokus für die Meditation verstehen. Sie weisen uns den Weg in eine geheimnisvolle Welt, in der wir einen Moment des Innehaltens und der Besinnung erfahren können. Dafür, dass wir bereit sind in diese Welt einzutauchen, uns in sie hineinziehen zu lassen, sorgt die Gleichzeitigkeit von farblicher Intensität und eigenwilliger Harmonie, von gelungener Formgebung mit einem sehr individuellen und imaginativen Umgang mit diversen Werkstoffen, die mit unterschiedlichen Techniken auf die Leinwand aufgetragen werden.
Mit diesem Rückgriff auf verschiedene Materialien und Techniken gibt Wolfgang Walter seinen Bildern anhand der Variation der Körnung, durch entstehende kleinere oder größere Schattierungen eine dritte Dimension. Er macht uns damit zu Spurensuchern und Archäologen. Die Oberflächen, denen wir uns auf diesen Bildern gegenübersehen, verweisen uns auf ihre Geschichte, lassen uns Hypothesen anstellen über Entstehungs- und Vergehensprozesse. Gerade die Geschichte, unsere Geschichte ist natürlich ein bestimmendes Moment unserer Identität, die wir in der Beschäftigung mit unserer Umgebung herausbilden, zu der uns mitunter gerade der Weg aus der alltäglichen in eine fremde Welt ein Stück verhilft. Die Pforten in diese fremde Welt mit ihren eigenen Dimensionen und Perspektiven sind auf den Bildern erahnbare Tore, Türen, Fenster. Sind wir angekommen, so wollen rhythmische Zeichenreihen und andere Chiffren von uns interpretiert werden, von denen wir nicht so genau wissen, ob sie durch eher beiläufiges Handeln entstanden sind, oder Bedeutung tragen oder getragen haben. Wir stellen fest, dass wir uns diese Welt erst kreieren, erdeuten müssen.
Welche Rolle diese Verbindung aus der Historizität einerseits, der Geometrie der Fläche und des Raumes andererseits für Walters Kunst spielt, sehen wir auch an der besonderen Art, wie er seine Bilder benennt. Er ist dazu übergegangen, den Bildern keine individuellen Titel oder Namen mehr zu geben, sondern sie einer der vier Kategorien: Verwitterung, Quadrat, Korpus, Flächenspiel zuzuordnen und die zu einer Kategorie gehörenden Bilder durchzunummerieren. Sollten Sie eines der Werke erwerben, finden Sie auf der Rückseite entsprechend eine dieser Benennungen und eine Zahl. Offensichtlich handelt es sich bei der Benennung eher um eine Schwerpunktbildung als um Ausschließlichkeit, da die meisten Bilder Elemente aus mehreren, wenn nicht allen dieser Kategorien enthalten.
Wolfgang Walters Bilder bieten mit dem Kosmos, zu dessen Erschaffung wir geladen werden, einen freundlichen Spiegel einer pluralistischen Welt, in der nicht mehr ein Interpretationsangebot fraglos dominiert, in der wir auf allen Ebenen zwischen alternativen Erklärungsvorschlägen unseren Ort, unsere Sicht der Welt mit ihrer Geschichte, unsere Interpretation ihrer vielfältigen Zeichen, unsere Auffassung vom Sinn des Lebens zu finden haben. Durchaus können dabei unterschiedliche, auf den ersten Blick heterogene Deutungsansätze miteinander und nebeneinander bestehen bleiben. Wir sind kontinuierlich dieser Vielfalt und Reizüberflutung, der Konkurrenz verschiedener Weltdeutungen ausgesetzt, haben andererseits damit auch die Möglichkeit, unsere je eigene Interpretation zu entwickeln, in der Beschäftigung mit den uns umgebenden Dingen und mit den Menschen, die ihnen in teils ähnlicher, teils recht verschiedener Weise gegenüberstehen.
Wolfgang hilft uns mit seinen Bildern beim Umgang mit dieser Welt, indem er
uns auffordert, zunächst einmal den von ihnen geschaffenen, im Grunde recht
harmonischen und zugleich spannungsreichen Kleinkosmos mit unserer Deutung zu
erschließen.
Indem wir uns so in diese enorm reichen Bilder vertiefen, können wir teilhaben,
an jener dynamischen Ruhe, die sie ausstrahlen.
Prof. Matthias Kaufmann
Erlangen, November 2009