Malerei ist, streng betrachtet, die willentliche Veränderung einer gegebenen Oberfläche von gegebenem Ausmaß. Diese Veränderung geschieht gewöhnlich durch Hinzufügen von etwas, gewöhnlich Farbe, mittels eines Gerätes, gewöhnlich eines Pinsels. Es mag aber auch Erde, Sand, Leim sein, die hinzugefügt werden, und die Werkzeuge können Spachteln, Messer, Finger oder der Pinselstiel sein. Malerei entsteht nicht unbedingt durch Malen, doch das Resultat ist stets eine Oberfläche, die ihren ursprünglichen Zustand vergessen macht, die in veredelter Gestalt eine neue Qualität hat.
Um jedoch aus einer solchen Oberfläche ein „Bild“ zu machen, ein „Gemälde“, bedarf es mehr als nur des Willens zur physikalischen Veränderung – ein solcher besteht bei einem Anstreicher auch. Um eine bearbeitete Oberfläche zum Bild zu machen, muss eine Transformation stattfinden: Von einem toten Gegenstand in eine geistige Gestalt, von einem Stück bearbeiteter Leinwand in ein Gebilde höherer, nämlich innerer Anschaulichkeit. Diese Metamorphose zustande zu bringen, ist die Leistung des Künstlers.
Wolfgang Walter ist ein Meister der Oberfläche. Und ihrer Durchdringung. Das „Oberflächliche“ als die nur oberste der tiefgestaffelten Sinnschichten des Seelischen auszulegen und sichtbar zu machen, ist ein erklärtes Ziel seines künstlerischen Tuns. Unter seinen Händen verwandelt sich die grundierte Leinwand in ein Gebilde von feinsten Strukturen, von haptisch und visuell erfahrbaren „Objekten“, die sich zu einer hohen Ordnung zusammenschließen. Diese Ordnung ist bei Walter weniger Resultat kompositionellen Kalküls, als vielmehr abgeleitet aus dem subtilen Zusammenspiel von Farbe und Mikroform – etwa dem Sand oder dem Relief. Seine Oberflächen sind reich gegliederte Spiele aus visuellen und taktilen Elementen. Sie haben Berge, die Schatten werfen und die Farbe in unterschiedlichen Werten erscheinen lassen, sie haben Täler, in die diese Schatten fallen, in ihnen glänzen Kristalle und sinken schwere Schichten ins Matte. Sie bringen Auge und Hand in einen ursprünglichen sinnlichen, beinahe kindlichen Kontakt zurück: Den unauflöslichen Wunsch, das Sichtbare ertasten zu dürfen, weil die Hand andere, weitere Erfahrungen auszulösen vermag als das Auge.
Wolfgang Walter beschwert uns nicht mit Fragen, die einer Künstlerpersönlichkeit in ihrem komplexen Verhältnis zum Weltganzen entspringen. Er bescheidet sich mit einem Verfahren, das die Harmonie gewissermaßen an jedem beliebigen Ort ausfindig macht. Er gibt uns das sichere Gefühl, dass jede Oberfläche, besonders die verputzter Wände, den Reiz der Schönheit vermitteln kann, wenn auch die Wirklichkeit selten so verzaubernde Strukturen bereithält, wie wir sie in seinen Bildern finden. Aber diese Wirklichkeit verändert die Oberflächen auch ohne Willen; Zeit, Wind, Feuchtigkeit greifen in die Strukturen der Oberflächen ein, indem sie ihnen gewöhnlich Substanz entnehmen, wo doch der malende Künstler willentlich hinzufügt, sodass seine Bilder sich von physikalischen Oberflächen tendenziell in geisthaltige „Bilder von Oberflächen“ verwandeln.
Walters Oberflächenbilder überhöhen in dieser Weise die Wirklichkeit und bleiben ihr doch in tiefster Weise verbunden. An den Oberflächen realer Wände hängend, sind sie eingebettet in die Wirklichkeit. Dies ist eine Art friedvoller, selbstgenügsamer Spannung, die sich allerdings jederzeit auch in Bereiche des Disharmonsichen steigern lässt, wenn man entlang der Betrachtung eines einzigen seiner Gemälde sich zu einem Gedanken über den Begriff der „Oberfläche“ verleiten lässt. Und dem ihrer Durchdringung.
Dr. Peter Laub
Kunsthistoriker
Salzburg, im Juli 2005