Die Ähnlichkeit der Formen

Zu Wolfgang Walters neuen Struktur-Arbeiten

 

Wollte man ein Zeichen benennen, das unsere moderne Zivilisation und ihre letzlichen Qualitäten gültig beschreibt, ein Symbol, welches diese Zivilisation in aller Welt repräsentiert, man hätte gewiss vom Rechteck zu sprechen. Die ins Unendliche reichende logische Vernunft dieser Form ist derart überzeugend und überragend, dass sie sich unbemerkt über alles menschliche Tun legen konnte, ja über alles menschliche Denken, womöglich gar über alles menschliche Empfinden. Dabei ist das Rechteck eine mathematische, eine hypothetische Form, eine „Erfindung“ des Menschen (lange bevor man erkannte, dass es auch von der Natur hervorgebracht wird), und sicher eine seiner besten. Es hat eine unbestechlich einfache Gestalt.

Wolfgang Walter ist ein Maler des Rechtecks. Es ist die dominierende Form seiner Bilder und in seinen Bildern. Aller Ausdruck geht für den Künstler vom Rechteck aus, und stets tritt die gemalte Form, das gebrochene, unebene Rechteck mit zerfransten, abgerundeten oder unlinearen Seiten und Ecken in ein Spannungsverhältnis zur strengen, mathematisch exakten Gesamtform des Bildes: eine Korrespondenz der ähnlichen Formen. Diese logische Gesamtform ist der zwingende, unsichtbare Rahmen, innerhalb dessen sich die handgeformten, dafür aber sichtbaren Rechtecke tummeln, manchmal schwimmend wie in einem Becken. Die Bewegung wird bei den mehrteiligen Gemälden vom Bildrand oft hart abgeschnitten, schwappt aber gleich hinüber ins nächste und übernächste Rechteck. Bei den einteiligen Werken bleiben die Rechtecke dagegen brav in ihrem Rahmen und berühren ihn nicht, sind eingeschrieben in die begrenzende Hauptform und schweben dort in einem Farbenmeer. Manchmal stoßen sie daraus hervor dem Betrachten entgegen, manchmal saugen sie seinen Blick in ihre Tiefe, wie in einen Tunnel; alle diese Formen sind von malerischer Plastizität, beinahe mehr geformt als gemalt, in zurückhaltende Zweidimensionalität gebrachte Skulpturen, deren Bewegung durch Symmetrie gebändigt ist.

Aber Walters Rechtecke haben, genau besehen, nicht einen einzigen rechten Winkel im Sinne mathematischer Genauigkeit. Peinliche Genauigkeit herrscht in der konsequenten Vermeidung solcher Winkel, deren vierfache Existenz allein der Gesamtform des Bildes vorbehalten bleibt. Was wir als Rechtecke unweigerlich wahrnehmen, sind in Wahrheit gar keine Rechtecke, sondern solchen nur ähnlich. Die gemalten Binnenformen sind der exakten Umgebungsform immer nur angenähert, in genau definierten Grenzen bewegen sich die spielerischen Elemente: Das ist das Geheimnis, das Walters Bildern Geschlossenheit und unverwechselbare Gestalt verleiht.

Es wäre ungerecht, wollte man Wolfgang Walters Bildern nur eine formale, eine rein kompositorische Bedeutung zuschreiben. So abstrakt sie scheinen mögen, stets benennt der Maler, was er meint, und bringt damit Worte ins Spiel, die eine gedankliche und eine emotionale Bewegung auslösen. Und wie die Nicht-Rechtecke innerhalb der Begrenzungsform des Bild-Rechtecks ein erstaunlich vielfältiges Leben führen, entfaltet sich vielfarbige Poesie innnerhalb der sprachlichen Begrenzungsnorm von Wolfgang Walters „Struktur-Arbeiten“.

Dr. Peter Laub
Kunsthistoriker
Salzburg, im September 2002